Fotoausstellung

Bilder aus der Ferne

Historische Fotografien

des Mongoleiforschers

Hermann Consten

 

24.11.2007 - 30.01. 2008

Fotografie: Tschakhar Mongolin mit silbernem Kopfschmuck, ca 1928

 

Die Bilder aus der Ferne bringen uns zurück in die späten 1920er Jahre. Rückblickend erkennen wir, dass dies eine Zeit des Umbruchs war.

  • In Europa und Nordamerika bahnt sich eine schwere Wirtschaftkrise an.

  • China zerfällt faktisch in selbständige Regionen, in denen die lokalen Machthaber, die so genannten Kriegsherren, versuchen, ihre Einflusssphären auszudehnen. Es kommt zu einer Vielzahl bewaffneter Konflikte und vor allem in den Randregionen herrscht grosse Unsicherheit.

  • In der Äusseren Mongolei, die sich 1911, nach dem Sturz der mandschurischen Qing-Dynastie, von China losgelöst hat, und die 1921/4 das zweite kommunistisch regierte Land geworden ist, ist eine Machtablösung im Gange, die 1928 ihren Höhepunkt erreicht. Unter dem wachsenden Einfluss der Stalinisten in der Sowjetunion, kommen auch in Ulaanbaatar die ‚Hardliner’ an die Macht. So wird u.a. auch der Kultur- und Erziehungsminister, Erdene Batukhan, der 1925 Deutschland besucht hat, und auf dessen Initiative eine grössere Gruppe mongolischer Schülerinnen und Schüler in Deutschland zur Ausbildung weilen, im Frühwinter 1928 abgesetzt.

Im Leben von Hermann Consten stellten die späten 1920er Jahre ebenfalls einen Wendepunkt dar. Bis dahin verlief das Leben Constens in den vorgegebenen Bahnen seiner gutbürgerlichen Herkunft einerseits, und der Realisierung seiner persönlichen Interessen andererseits. Blicken wir zurück:

     
              
  Gobi-Express Kalgan-Ulanbator mit russischem Chauffeur, 1929   Lamas in Prachtgewändern zum Maidari-Fest, Ulaanbaatar, 1929  
  • Hermann Consten wird am 14. März 1878 in Aachen als Sohn eines wohlhabenden Brennereibesitzers geboren.

  • In den Jahren 1899/1900 bildet er sich an der Deutschen Kolonialschule im nordhessischen Witzenhausen zum Agronomen aus und reist im Dezember 1900 nach Deutsch-Ostafrika. Von dort kehrt er aus gesundheitlichen Gründen 1905 wieder nach Deutschland zurück.

  • Es hält ihn allerdings nicht lange in der Heimat. Noch im gleichen Jahr verlegt er seinen Lebensmittelpunkt nach Moskau und  befasst sich mit dem Studium der mongolischen Sprache.

  •  Von Moskau aus organisiert er im Laufe der folgenden Jahre verschiedene Expeditionen und Reisen in den nördlichen Teil der mongolischen Siedlungsgebiete, in die sog. Äussere Mongolei, der späteren Mongolischen Volksrepublik. Seine Forschungsziele sind breit gefächert. Geografische und kartografische Forschungen stehen neben archäologischen und ethnografischen Interessen. Er wird Zeuge zeitgeschichtlicher Ereignisse und findet als Berater Zugang zu mongolischen Fürsten, die ihn 1911 in ihren Stand erheben und ihm den Titel eines Grafen, Gun, verleihen.

  • In der Zeit des Ersten Weltkrieges wirkt er - vermutlich auf Grund seiner guten Verbindungen - als Agent sowohl für das Auswärtige Amt als auch für den deutschen militärischen Abwehrdienst und wird Ende des Krieges in Budapest enttarnt.

  • Kurz nach dem ersten Weltkrieg publiziert er im Verlag Dietrich Reimer, Berlin, das zwischen 1907 und 1913 zusammengetragene Material unter dem Titel  Weideplätze der Mongolen - Im Reiche der Chalcha. Dieses zweibändige Werk, in dem er auch zahlreiche Fotografien veröffentlicht, ist wohl seine bekannteste Publikation und ist auch heute noch eine interessante und wichtige Quelle für die Geschichte der Mongolei im frühen 20. Jahrhundert.

  • Anfang der 1920er Jahre lässt er sich hier in Thüringen, in Bad Blankenburg, nieder, setzt seine publizistische Tätigkeit fort und referiert auf ausgedehnten Vortragsreisen über seine Erfahrungen als Mongolei-Reisender und Buddhismuskenner. Ein Teil seiner Freizeit verbringt er als Mitglied der Saalfelder Schlaraffen.

  • 1925 stattet der mongolische Kultur- und Erziehungsminister, Erdene Batukhan, anlässlich seiner Deutschlandreise auch Hermann Consten in Bad Blankenburg einen Besuch ab und, ermuntert ihn, seine Forschungen in der Mongolei wieder aufzunehmen. Consten wird eingeladen, als Berater beim Aufbau einer Akademie der Wissenschaften in Ulaanbaatar beratend mitzuwirken.

  • So bricht Consten im Herbst 1927 von Europa nach Asien auf und stellt im folgenden Frühjahr sein Expeditionsmaterial zusammen.
    Vom Tiefland zieht die Karawane ins Hügelland und durchschreitet bei Koupeikou die chinesische Mauer. durch das Östliche Himmelstor. Anfänglich führt der Weg noch durch chinesisch besiedeltes Gebiet mit bebauten Feldern, Lehmhütten, spärlichen Pappeln und Kiefern und führt dann über immer neue Hügelzüge hinauf ins mongolische Hochland. Es ist der selbe Weg, auf dem sich auch die chinesischen Kaiser seit der mongolischen Yüan-Dynastie zu ihrer Sommerresidenz begeben haben. Auch Consten besucht diese Residenz in Jehol – heute Chengde – die er als „verfallene[,] verkommene Herrlichkeit“ charakterisiert. Dort fotografiert er viel und kauft – nach den Angaben aus seinem Tagebuch – auch Bilder bei lokalen Fotografen.
    Dazu Constens Tagebucheintrag vom 14. Juli 1928 aus Haobutu, wo er bei belgischen Missionaren zu Gast war: „Entwickelte gestern Abend Film! Alle ausgezeichnet. Verderbe heute die besten Bilder von Jehol durch zu langes Wässern. Hatte kein Alaun – oder vielmehr konnte Alaun nicht finden! – bin ganz verzweifelt! …“ Der Eintrag endet mit dem Vorsatz, Ordnung im Expeditionsgepäck zu schaffen.
    Consten zieht weiter und begegnet unter Militärschutz stehenden Salz- und Händlerkarawanen, die sich so gegen Wegelagerer und Räuberbanden zu schützen versuchen.

  • Wegen der politischer Unsicherheit und wegen Versorgungsengpässen steht die geplante Expedition von Anfang an unter einem schlechten Stern. Im Sommer verzögert zudem der Tod einiger Kamele den Fortgang der Expedition. Im Herbst 1928 zieht Consten mit einer neuen Truppe weiter durch die Innere Mongolei in Richtung Grenze zur Mongolischen Volksrepublik. Ich zitiere aus dem Tagebuch: “Sandsteppe(,) Öde (,) Einsamkeit soweit das Auge reicht und wir als 21 bewegliche, langsam ihren Platz verschiebende Punkte mitten drin.“ 
    Mit wir sind gemeint: drei chinesische und zwei mongolische Helfer mit den Kamelen, Consten selbst mit seinem Pferd Kara Etzel, und der zugelaufene, aber nun treue Hund BarsBars mongolisch für Tiger.

  • Nach Tagen von ersten, winterlichen Schneestürmen erreicht die Karawane die Grenze zur Mongolischen Volksrepublik, wo Consten am 18. Oktober auf Geheiss der politischen Zentrale von den Grenzwachtsoldaten rund drei Monate lang aufgehalten und dann per Automobil nach Ulaanbaatar gebracht wird. Im März 1929 wird er aus der Mongolei ausgewiesen und muss das Land auf demselben Weg, auf dem er gekommen ist, wieder verlassen.

     
         
  Tschakhar Mongolin mit silbernem Kopfschmuck, ca 1928   Constens zu Pferd,Steppengebiet, 1907  

Von all dem erzählen die Bilder der Ausstellung. Hier nun – Hermann Consten ist bereits 51 Jahre alt - ist auch in seiner Biografie ein Bruch zu erkennen. Die folgenden Jahre seines Lebens sind stark durch wirtschaftliche Zwänge und politische Ereignisse geprägt:

  • Zurück in Beijing erfährt er, dass der elterliche Betrieb Konkurs gemacht hat und keine finanzielle Hilfe mehr zu erwarten ist. Er selbst verfügt kaum über Mittel und scheint von den offiziellen deutschen Stellen ‚kalt gestellt’ worden zu sein. Er muss sich nun eine selbständige wirtschaftliche Basis aufbauen und tut dies, indem er am Stadtrand von Beijing eine Reitschule für Ausländer eröffnet und begleitete Exkursionen durchführt.

  • 1934 lernt er die rund 30 Jahre jüngere Eleanor von Erdberg, eine ausgewiesene Spezialistin für Ostasiatische Kunstgeschichte, kennen. Die beiden heiraten im März 1936 im japanischen Kamakura.

  • Nach der Machtübernahme durch die Kommunisten in China im Jahr 1949 - entschliesst sich das Ehepaar Consten Ende 1950, nach Deutschland zurückzukehren, wo es bei Verwandten in Aachen unterkommt. Consten nimmt seine Vortragstätigkeit wieder auf und arbeitet an der geplanten Encyclopedia Mongolica, die leider nie erschienen ist, weiter.

  •  Am 4. August 1957 stirbt Hermann Consten unerwartet im Alter von 79 Jahren.

Werfen wir nun einen Blick auf das fotografische Werk von Hermann Consten. Das Festhalten visueller Eindrücke war ihm schon früh ein Anliegen. Es ist anzunehmen, dass er sich in oder während der Ausbildung an der Kolonialschule Witzenhausen entsprechendes Wissen und Können angeeignet hatte.
Fotografieren auf Expeditionen bedeutete damals nicht nur das Mitführen einer vollständigen Fotoausrüstung mit Stativ, Blitzgerät, Glas- oder Filmnegativen und Fotopapier, sondern auch das Mitführen eines kleinen Labors – inklusive eines ausreichenden Vorrates aller nötigen Chemikalien. Consten verpackte das Fotomaterial in den Lasten der besten Kamele.

1913 in Sibirien – auf der Rückreise aus der Mongolei - brachen drei Schlitten von Consten bei der Überquerung eines zugefrorenen Flusses ein und viele Gepäckstücke gerieten in die eisigen Fluten. Nachdem das Material geborgen werden konnte, übte er sich in Schadensbegrenzung; er schrieb dazu in den Weideplätzen:
„Hier untersuchte ich vor allem meine photographischen Platten, die zum grössten Teil unter Wasser gewesen waren. Jetzt belohnte das Schicksal meine Vorsicht, ständig, kurz nach der Aufnahme die Platten auch unter den schwierigsten Umständen zu entwickeln, denn feucht und beschmutzt wie sie waren, konnte ich sie mit reinem Wasser abspülen ohne irgendwelchen Schaden und Verlust. Allerdings nahm das Säubern der 1000 Platten zwei Tage in Anspruch. Meine kinematographischen Aufnahmen waren dagegen nicht unter Wasser gewesen.“ (Bd. 2, S. 313).

Da Consten im Spätsommer 1928 – nach dem Karawanen-Drama – nur mit wenigen Tieren weiterzog, liess er schweren Herzens einen Teil seiner Fotoausrüstung auf einer belgischen Missionsstation zurück und nahm nur die kleine und leichte ICA BEBE, die er bereits 1915 erstanden hatte, mit. Die meisten Originale aus dieser Zeit sind daher im Format 6,5 x 9 cm. Manche Originale wirken etwas kontrastarm und flau. Das hängt damit zusammen, dass Hermann Consten in der Eiseskälte, die im Herbst und Winter in der mongolischen Steppe und allzu oft auch in den Jurten herrschte, Mühe hatte, die nötigen Temperaturen der Entwicklungsbäder, die bei 20°Grad C liegen, einzuhalten.
Für die Ausstellung wurden die Originale – Negative oder Positive –digitalisiert, wenn nötig leicht bearbeitet und auf speziellem Fotopapier wieder ausbelichtet.

Wie aus Constens Texten spricht auch aus seinen Bildern eine sehr direkte Wahrnehmung sowohl sinnlicher Eindrücke als auch wichtiger Sachverhalte. Seine breiten Interessen spiegeln sich in der Motivwahl wieder. Seine Bilder sind heute eine wichtige Dokumentation der damaligen Verhältnisse. Sie zeigen u.a. viele Menschen, die er entweder am Wege traf, oder die mit ihm – unter welchen Umständen auch immer – Strecken seines Weges teilten. Besonders eindrücklich finde ich die Bilder aus Narim Buluk, der Jurtensiedlung an der Grenze, wo Consten rund drei Monate lang aufgehalten wurde und mit seinen Bewachern einen unwirtlichen, aber – wie wir aus den Tagebucheintragungen wissen - dennoch menschlichen und intellektuell anregenden Alltag teilte. Die Bilder von Ulaanbaatar sind höchst interessante Zeitdokumente. Sie illustrieren die Stadt, wie sie vor den grossen politischen Umwälzungen und vor der Zerstörung von Tempeln in den 1930er Jahren ausgesehen hat.

Abenteuerlich ist auch die weitere Geschichte von Constens Fotosammlung. Aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg haben sich – soweit bis heute bekannt ist – von den vermutlich mehreren Tausend Bildern nur wenige Originale erhalten.
Von den Fotografien, die zwischen 1928 und 1950 in der Mongolei und China entstanden sind, sind etwas über 3000 Bilder wieder aufgetaucht. Constens Witwe, Frau Prof. Dr. Eleanor von Erdberg, hat die Sammlung über alle Umzugswirren der vergangenen Jahrzehnte hinweg gerettet. Bereits vor Jahren hat sie wichtige Bilder an das Seminar für Kultur- und Sprachwissenschaft Zentralasiens der Universität Bonn gegeben. Einige dieser Bilder konnten glücklicherweise in die jetzige Ausstellung einbezogen werden.
In Gesprächen zwischen Dr. Rita Mielke, Aachen, und der hochbetagten Frau von Erdberg – sie verstarb im Jahr 2002 – konnte die Sammlung noch dokumentiert werden.

Im Laufe der Vorbereitungsarbeiten zu dieser Ausstellung wurde der konservatorische Zustand des Nachlasses wesentlich verbessert, denn bei der Übernahme lagen die Bilder lose und ungeordnet, oft in säurehaltigen Pergamintüten und rostigen Blechdosen verpackt in einem Lederkoffer und in einer Zigarrenkiste. Dies ist nicht ungewöhnlich, denn über die Jahrzehnte hinweg geraten solche Sammlungen in Vergessenheit und sind nur ungenügend geschützt gegen Verstaubung, Temperaturschwankungen, hohe Relative Luftfeuchtigkeit und unsachgemässe Behandlung. Die ohnehin in einer Fotografie ablaufenden Alterungsprozesse können durch solche Einflüsse massiv beschleunigt werden.

Dass diese Fotosammlung nach einem langen Dornröschenschlaf wieder an die Öffentlichkeit gekommen ist, ist ein Glücksfall. Dies ist nicht nur für uns Fotografie- oder Mongolei-Interessierte hier in Europa wichtig, sondern ebenso auch für das wachsende Geschichtsbewusstsein der Menschen in den Herkunftsgebieten der Bilder. Diese Ausstellung wurde im letzten Winter auch in Ulaanbaatar gezeigt und so viel ich gehört habe, werden die Weideplätze der Mongolen nun ins Mongolische übersetzt.

©Barbara Frey Näf, Basel - 9/2007

 

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