|
Die
Bilder aus der Ferne bringen uns zurück in die späten 1920er Jahre.
Rückblickend erkennen wir, dass dies eine Zeit des Umbruchs war.
-
In Europa
und Nordamerika bahnt sich eine schwere Wirtschaftkrise an.
-
China
zerfällt faktisch in selbständige Regionen, in denen die lokalen
Machthaber, die so genannten Kriegsherren, versuchen, ihre Einflusssphären
auszudehnen. Es kommt zu einer Vielzahl bewaffneter Konflikte und vor
allem in
den Randregionen herrscht grosse Unsicherheit.
-
In der
Äusseren Mongolei, die sich 1911, nach dem Sturz der mandschurischen
Qing-Dynastie, von China losgelöst hat, und die 1921/4 das zweite
kommunistisch regierte Land geworden ist, ist eine Machtablösung im Gange,
die 1928 ihren Höhepunkt erreicht. Unter dem wachsenden Einfluss der
Stalinisten in der Sowjetunion, kommen auch in Ulaanbaatar die ‚Hardliner’
an die Macht. So wird u.a. auch der Kultur- und Erziehungsminister, Erdene
Batukhan, der 1925 Deutschland besucht hat, und auf dessen Initiative eine
grössere Gruppe mongolischer Schülerinnen und Schüler in Deutschland zur
Ausbildung weilen, im Frühwinter 1928 abgesetzt.
Im
Leben von Hermann Consten stellten die späten 1920er Jahre ebenfalls einen
Wendepunkt dar. Bis dahin verlief das Leben Constens in den vorgegebenen
Bahnen seiner gutbürgerlichen Herkunft einerseits, und der Realisierung
seiner persönlichen Interessen andererseits. Blicken wir zurück:
| |
 |
|
 |
|
| |
|
|
|
|
| |
Gobi-Express Kalgan-Ulanbator mit russischem Chauffeur,
1929 |
|
Lamas in Prachtgewändern zum Maidari-Fest, Ulaanbaatar,
1929 |
|
-
Hermann
Consten wird am 14. März 1878 in Aachen als Sohn eines wohlhabenden
Brennereibesitzers geboren.
-
In den
Jahren 1899/1900 bildet er sich an der Deutschen Kolonialschule im
nordhessischen Witzenhausen zum Agronomen aus und reist im Dezember 1900
nach Deutsch-Ostafrika. Von dort kehrt er aus gesundheitlichen Gründen
1905 wieder nach Deutschland zurück.
-
Es hält
ihn allerdings nicht lange in der Heimat. Noch im gleichen Jahr verlegt er
seinen Lebensmittelpunkt nach Moskau und befasst sich mit dem
Studium der mongolischen Sprache.
-
Von
Moskau aus organisiert er im Laufe der folgenden Jahre verschiedene
Expeditionen und Reisen in den nördlichen Teil der mongolischen
Siedlungsgebiete, in die sog. Äussere Mongolei, der späteren Mongolischen
Volksrepublik. Seine Forschungsziele sind breit gefächert. Geografische
und kartografische Forschungen stehen neben archäologischen und
ethnografischen Interessen. Er wird Zeuge zeitgeschichtlicher Ereignisse
und findet als Berater Zugang zu mongolischen Fürsten, die ihn 1911 in
ihren Stand erheben und ihm den Titel eines Grafen, Gun, verleihen.
-
In der
Zeit des Ersten Weltkrieges wirkt er - vermutlich auf Grund seiner guten
Verbindungen - als Agent sowohl für das Auswärtige Amt als auch für den
deutschen militärischen Abwehrdienst und wird Ende des Krieges in Budapest
enttarnt.
-
Kurz nach
dem ersten Weltkrieg publiziert er im Verlag Dietrich Reimer, Berlin, das
zwischen 1907 und 1913 zusammengetragene Material unter dem Titel
Weideplätze der Mongolen - Im Reiche der Chalcha. Dieses zweibändige
Werk, in dem er auch zahlreiche Fotografien veröffentlicht, ist wohl seine
bekannteste Publikation und ist auch heute noch eine interessante und
wichtige Quelle für die Geschichte der Mongolei im frühen 20. Jahrhundert.
-
Anfang
der 1920er Jahre lässt er sich hier in Thüringen, in Bad Blankenburg,
nieder, setzt seine publizistische Tätigkeit fort und referiert auf
ausgedehnten Vortragsreisen über seine Erfahrungen als Mongolei-Reisender
und Buddhismuskenner. Ein Teil seiner Freizeit verbringt er als Mitglied
der Saalfelder Schlaraffen.
-
1925
stattet der mongolische Kultur- und Erziehungsminister, Erdene Batukhan,
anlässlich seiner Deutschlandreise auch Hermann Consten in Bad Blankenburg
einen Besuch ab und, ermuntert ihn, seine Forschungen in der Mongolei
wieder aufzunehmen. Consten wird eingeladen, als Berater beim Aufbau einer
Akademie der Wissenschaften in Ulaanbaatar beratend mitzuwirken.
-
So bricht
Consten im Herbst 1927 von Europa nach Asien auf und stellt im folgenden
Frühjahr sein Expeditionsmaterial zusammen.
Vom Tiefland zieht die Karawane ins Hügelland und durchschreitet bei
Koupeikou die chinesische Mauer. durch das Östliche Himmelstor. Anfänglich
führt der Weg noch durch chinesisch besiedeltes Gebiet mit bebauten
Feldern, Lehmhütten, spärlichen Pappeln und Kiefern und führt dann über
immer neue Hügelzüge hinauf ins mongolische Hochland. Es ist der selbe Weg,
auf dem sich auch die chinesischen Kaiser seit der mongolischen
Yüan-Dynastie zu ihrer Sommerresidenz begeben haben. Auch Consten besucht
diese Residenz in Jehol – heute Chengde – die er als „verfallene[,]
verkommene Herrlichkeit“ charakterisiert. Dort fotografiert er viel
und kauft – nach den Angaben aus seinem Tagebuch – auch Bilder bei lokalen
Fotografen.
Dazu Constens Tagebucheintrag vom 14. Juli 1928 aus Haobutu, wo er bei
belgischen Missionaren zu Gast war: „Entwickelte gestern Abend Film!
Alle ausgezeichnet. Verderbe heute die besten Bilder von Jehol durch zu
langes Wässern. Hatte kein Alaun – oder vielmehr konnte Alaun nicht finden!
– bin ganz verzweifelt! …“ Der Eintrag endet mit dem Vorsatz, Ordnung
im Expeditionsgepäck zu schaffen.
Consten zieht weiter und begegnet unter Militärschutz stehenden Salz- und
Händlerkarawanen, die sich so gegen Wegelagerer und Räuberbanden zu
schützen versuchen.
-
Wegen der
politischer Unsicherheit und wegen Versorgungsengpässen steht die geplante
Expedition von Anfang an unter einem schlechten Stern. Im Sommer verzögert
zudem der Tod einiger Kamele den Fortgang der Expedition. Im Herbst 1928
zieht Consten mit einer neuen Truppe weiter durch die Innere Mongolei in
Richtung Grenze zur Mongolischen Volksrepublik. Ich zitiere aus dem
Tagebuch: “Sandsteppe(,) Öde (,) Einsamkeit soweit das Auge reicht und
wir als 21 bewegliche, langsam ihren Platz verschiebende Punkte mitten
drin.“
Mit wir sind gemeint: drei chinesische und zwei mongolische Helfer mit
den Kamelen, Consten selbst mit seinem Pferd Kara Etzel, und der
zugelaufene, aber nun treue Hund Bars – Bars mongolisch für
Tiger.
-
Nach
Tagen von ersten, winterlichen Schneestürmen erreicht die Karawane die
Grenze zur Mongolischen Volksrepublik, wo Consten am 18. Oktober auf
Geheiss der politischen Zentrale von den Grenzwachtsoldaten rund drei
Monate lang aufgehalten und dann per Automobil nach Ulaanbaatar gebracht
wird. Im März 1929 wird er aus der Mongolei ausgewiesen und muss das Land
auf demselben Weg, auf dem er gekommen ist, wieder verlassen.
| |
 |
|
 |
|
| |
|
|
|
|
| |
Tschakhar Mongolin mit silbernem Kopfschmuck, ca 1928
|
|
Constens zu Pferd,Steppengebiet, 1907 |
|
Von all dem
erzählen die Bilder der Ausstellung.
Hier
nun – Hermann Consten ist bereits 51 Jahre alt - ist auch in seiner
Biografie ein Bruch zu erkennen. Die folgenden Jahre seines Lebens sind
stark durch wirtschaftliche Zwänge und politische Ereignisse geprägt:
-
Zurück in
Beijing erfährt er, dass der elterliche Betrieb Konkurs gemacht hat und
keine finanzielle Hilfe mehr zu erwarten ist. Er selbst verfügt kaum über
Mittel und scheint von den offiziellen deutschen Stellen ‚kalt gestellt’
worden zu sein. Er muss sich nun eine selbständige wirtschaftliche Basis
aufbauen und tut dies, indem er am Stadtrand von Beijing eine Reitschule
für Ausländer eröffnet und begleitete Exkursionen durchführt.
-
1934
lernt er die rund 30 Jahre jüngere Eleanor von Erdberg, eine ausgewiesene
Spezialistin für Ostasiatische Kunstgeschichte, kennen. Die beiden
heiraten im März 1936 im japanischen Kamakura.
-
Nach der
Machtübernahme durch die Kommunisten in China im Jahr 1949 - entschliesst
sich das Ehepaar Consten Ende 1950, nach Deutschland zurückzukehren, wo es
bei Verwandten in Aachen unterkommt. Consten nimmt seine Vortragstätigkeit
wieder auf und arbeitet an der geplanten Encyclopedia Mongolica,
die leider nie erschienen ist, weiter.
-
Am
4. August 1957 stirbt Hermann Consten unerwartet im Alter von 79 Jahren.
Werfen wir
nun einen Blick auf das fotografische Werk von Hermann Consten. Das
Festhalten visueller Eindrücke war ihm schon früh ein Anliegen. Es ist
anzunehmen, dass er sich in oder während der Ausbildung an der
Kolonialschule Witzenhausen entsprechendes Wissen und Können angeeignet
hatte.
Fotografieren auf Expeditionen bedeutete damals nicht nur das Mitführen
einer vollständigen Fotoausrüstung mit Stativ, Blitzgerät, Glas- oder
Filmnegativen und Fotopapier, sondern auch das Mitführen eines kleinen
Labors – inklusive eines ausreichenden Vorrates aller nötigen Chemikalien.
Consten verpackte das Fotomaterial in den Lasten der besten Kamele.
1913 in
Sibirien – auf der Rückreise aus der Mongolei - brachen drei Schlitten von
Consten bei der Überquerung eines zugefrorenen Flusses ein und viele
Gepäckstücke gerieten in die eisigen Fluten. Nachdem das Material geborgen
werden konnte, übte er sich in Schadensbegrenzung; er schrieb dazu in den
Weideplätzen:
„Hier untersuchte ich vor allem meine photographischen Platten, die zum
grössten Teil unter Wasser gewesen waren. Jetzt belohnte das Schicksal meine
Vorsicht, ständig, kurz nach der Aufnahme die Platten auch unter den
schwierigsten Umständen zu entwickeln, denn feucht und beschmutzt wie sie
waren, konnte ich sie mit reinem Wasser abspülen ohne irgendwelchen Schaden
und Verlust. Allerdings nahm das Säubern der 1000 Platten zwei Tage in
Anspruch. Meine kinematographischen Aufnahmen waren dagegen nicht unter
Wasser gewesen.“ (Bd. 2, S. 313).
Da Consten
im Spätsommer 1928 – nach dem Karawanen-Drama – nur mit wenigen Tieren
weiterzog, liess er schweren Herzens einen Teil seiner Fotoausrüstung auf
einer belgischen Missionsstation zurück und nahm nur die kleine und leichte
ICA BEBE, die er bereits 1915 erstanden hatte, mit. Die meisten Originale
aus dieser Zeit sind daher im Format 6,5 x 9 cm. Manche Originale wirken
etwas kontrastarm und flau. Das hängt damit zusammen, dass Hermann Consten
in der Eiseskälte, die im Herbst und Winter in der mongolischen Steppe und
allzu oft auch in den Jurten herrschte, Mühe hatte, die nötigen Temperaturen
der Entwicklungsbäder, die bei 20°Grad C liegen, einzuhalten.
Für die Ausstellung wurden die Originale – Negative oder Positive –digitalisiert,
wenn nötig leicht bearbeitet und auf speziellem Fotopapier wieder
ausbelichtet.
Wie aus
Constens Texten spricht auch aus seinen Bildern eine sehr direkte
Wahrnehmung sowohl sinnlicher Eindrücke als auch wichtiger Sachverhalte.
Seine breiten Interessen spiegeln sich in der Motivwahl wieder. Seine Bilder
sind heute eine wichtige Dokumentation der damaligen Verhältnisse. Sie
zeigen u.a. viele Menschen, die er entweder am Wege traf, oder die mit ihm –
unter welchen Umständen auch immer – Strecken seines Weges teilten.
Besonders eindrücklich finde ich die Bilder aus Narim Buluk, der
Jurtensiedlung an der Grenze, wo Consten rund drei Monate lang aufgehalten
wurde und mit seinen Bewachern einen unwirtlichen, aber – wie wir aus den
Tagebucheintragungen wissen - dennoch menschlichen und intellektuell
anregenden Alltag teilte. Die Bilder von Ulaanbaatar sind höchst
interessante Zeitdokumente. Sie illustrieren die Stadt, wie sie vor den
grossen politischen Umwälzungen und vor der Zerstörung von Tempeln in den
1930er Jahren ausgesehen hat.
Abenteuerlich ist auch die weitere Geschichte von Constens Fotosammlung. Aus
der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg haben sich – soweit bis heute bekannt ist
– von den vermutlich mehreren Tausend Bildern nur wenige Originale erhalten.
Von den Fotografien, die zwischen 1928 und 1950 in der Mongolei und China
entstanden sind, sind etwas über 3000 Bilder wieder aufgetaucht. Constens
Witwe, Frau Prof. Dr. Eleanor von Erdberg, hat die Sammlung über alle
Umzugswirren der vergangenen Jahrzehnte hinweg gerettet. Bereits vor Jahren
hat sie wichtige Bilder an das Seminar für Kultur- und Sprachwissenschaft
Zentralasiens der Universität Bonn gegeben. Einige dieser Bilder konnten
glücklicherweise in die jetzige Ausstellung einbezogen werden.
In Gesprächen zwischen Dr. Rita Mielke, Aachen, und der hochbetagten Frau
von Erdberg – sie verstarb im Jahr 2002 – konnte die Sammlung noch
dokumentiert werden.
Im Laufe
der Vorbereitungsarbeiten zu dieser Ausstellung wurde der konservatorische
Zustand des Nachlasses wesentlich verbessert, denn bei der Übernahme lagen
die Bilder lose und ungeordnet, oft in säurehaltigen Pergamintüten und
rostigen Blechdosen verpackt in einem Lederkoffer und in einer Zigarrenkiste.
Dies ist nicht ungewöhnlich, denn über die Jahrzehnte hinweg geraten solche
Sammlungen in Vergessenheit und sind nur ungenügend geschützt gegen
Verstaubung, Temperaturschwankungen, hohe Relative Luftfeuchtigkeit und
unsachgemässe Behandlung. Die ohnehin in einer Fotografie ablaufenden
Alterungsprozesse können durch solche Einflüsse massiv beschleunigt werden.
Dass diese
Fotosammlung nach einem langen Dornröschenschlaf wieder an die
Öffentlichkeit gekommen ist, ist ein Glücksfall. Dies ist nicht nur für uns
Fotografie- oder Mongolei-Interessierte hier in Europa wichtig, sondern
ebenso auch für das wachsende Geschichtsbewusstsein der Menschen in den
Herkunftsgebieten der Bilder. Diese Ausstellung wurde im letzten Winter auch
in Ulaanbaatar gezeigt und so viel ich gehört habe, werden die
Weideplätze der Mongolen nun ins Mongolische übersetzt.
©Barbara
Frey Näf, Basel
-
9/2007
|