"Das
sich über ein halbes Jahrhundert erstreckende Werk gerade dieser
Photographin hat die Theaterfotografie weithin zum Begriff gemacht. In zwei
der bedeutendsten deutschen Theaterzentren, in Berlin und Hamburg, hat sie
gearbeitet. Kaum einer der Großen der deutschen Schauspielkunst, den sie
nicht photographiert hätte. Die meisten hat sie über Jahrzehnte in
unterschiedlichen Rollen festgehalten und interpretiert. ... Ihre Bilder
sind optisch gebannte Momente szenischer Dichtung, mit einem tiefen Gespür
für die Ausdrucksfähigkeit menschlicher Mimik. Die Bedeutung ihrer Arbeiten
geht weit über das Theater hinaus. Ihr Werk ist bisher kaum erschlossen. Ist
dies einst der Fall, so wird sich zeigen, daß sie an den Bildfindungen
unserer Zeit entscheidenden künstlerischen Anteil hatte."
(Rüdiger Joppien in ROSEMARIE
CLAUSEN , INGEBORO SELLO Zwei Hamburger Photographinnen. Katalog zur
Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 1988. Siehe auch:
Photographie des 20. Jahrhunderts, Museum Ludwig Köln, Köln u.a. 1996)
Selten sind im Metier der Theaterfotografie das Gespür für theatralischen
Ausdruck, Dramen-Inhalte und die Beherrschung der entsprechenden
fotografischen Technik eine glücklichere Verbindung eingegangen als bei
Rosemarie Clausen. Unser Bild von Mephisto ist die Fotografie von Clausen.
Sie und keine andere wollte der schwierig-geniale Theatermensch Gründgens
als Theaterfotografin haben, als er 1955 von Düsseldorf nach Hamburg
wechselte.
Bis 1976 war sie der fotografische Aktivposten der Hamburger Theaterszene:
von Lippert über Gründgens, Oscar Fritz Schuh, Egon Monk, Hans Lietzau, Ivan
Nagel bis Boy Gobert, der bei ihrem Berufsausstieg, 1976, klagte: "So gut
werden wir nie wieder aussehen wie bei Ihnen". (Zeitprofile, DGPh 1988)
Sie
hat die nachhaltig eindrucksvollsten Fotos einer ganzen Epoche deutscher
Theaterkunst geschaffen.
Eigentlich wollte Rosemarie Clausen Porträtmalerin werden, begann dann aber
eine Fotografenlehre, machte die Prüfung im Lette-Haus Berlin und war fünf
Jahre bis 1933 bei der Theaterfotografin Elli Marcus tätig. Sie gründete ein
eigenes Atelier in Berlin und spezialisierte sich auf die Theaterfotografie.
1936 fotografierte sie zum ersten Mal Gustaf Gründgens, der zwei Jahre zuvor
das Staatliche Schauspielhaus am Gendarmenmarkt übernommen hatte, als
Hamlet. Es sollte der Beginn einer schöpferischen Verbindung sein, die die
Porträts und Szenenfotos der Clausen prägte. 1945 floh sie mit ihren drei
Kindern nach Hamburg, wo sie sich eine neue Existenz aufbaute. Anläßlich der
Uraufführung von Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" fotografierte sie
den todkranken Schriftsteller. Ihre Bilder der legendären Faust-Inszenierung
von Gustav Gründgens wurden weltbekannt. Ebenso wie jenes Beckett-Porträt
von 1969, als der Autor kurz darauf den Literatur-Nobelpreis erhielt.
Treffend beschrieb 1975 Henning Rischbieter die Fotografin in der
Zeitschrift Theater heute, die eine Zeitlang ohne Clausen-Bilder gar nicht
denkbar war: "Sie fotografieren nicht Schauspielerporträts, sondern
Theaterfiguren, nicht Individuen, die sich verstellen, sondern dramatische
Charaktere." (nach H.-E. Hess, Photo Technik International 2/90)

Die Ausstellung in der GAFF zeigt nicht nur die Fotografien von Rosemarie
Clausen, die Theatergeschichte mit großen Inszenierungen und großen
Schauspielern dokumentieren. Vielmehr versucht die Auswahl deutlich zu
machen, in welcher besonderen Weise es der Fotografin in ihrem Werk gelungen
ist, ein allgemeingültiges Bild des Menschen zu gestalten.
"Ich habe mich oft gefragt, warum Rosemarie Clausen so oft und so gern
Schauspieler fotografiert hat. Ich denke, weil sie diese merkwürdige
Mischung von Privatgesicht und Gesicht der Rolle, weil dieser Zwischenraum
sie sehr gereizt hat. ... Es gibt einen wunderbaren Satz von Goethe aus dem
Westöstlichen Diwan: "Niemand kann sich glücklich preisen, der des
Doppelblicks ermangelt." Dieser Moment des Doppelblicks ist das
Entscheidende. Dabei blickt das eine Auge scharf und unbestechlich genau,
erblickt die Fakten, die vor ihm sind, die von dem Objekt ausgestrahlt
werden. Und das andere Auge könnte, sollte, müßte eigentlich dann
menschlich, verstehend, mitleidend, mitfreuend die Ergänzung dazu geben zu
diesem harten und genauen Bild, das das Objekt gerade bietet. Ich glaube,
daß Rosemarie Clausen in einem besonderen Maße diese Fähigkeit hatte, mit
dem einen klaren Auge zu sehen, was da nun objektiv gerade vor ihr erschien,
mit dem anderen Auge menschlich, mitfühlend, einfühlend, begreifend, spürend
zu erleben, was in dem Menschen selber vorging. Ich glaube, das war das
eigentliche Geheimnis ihrer seltsamen Fähigkeit, ihrer Portraitkunst.
Ich finde, daß es ein großes Verdienst des Veranstalters ist, daß er diese
außerordentlichen Portraits, diese ganz seltsamen, wirklich tiefschürfenden,
tieferblickenden, eben aus dem Doppelblick heraus tieferblickenden, Bilder
hier ausgestellt hat."
(Will Quadflieg: Erinnerungen an Rosemarie Clausen, vorgetragen während der
Eröffnung der GAFF - Ausstellung: Rosemarie Clausen: GESTALTEN UND GESICHTER
am 14.09.1997)
1976 erhielt Rosemarie Clausen für ihre fotografische Leistung den
Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie DGPh.